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EinleitungAber - entgegen vielen Erwartungen - haben wir uns an permanente Veränderung als Normalzustand gewöhnt. Mit "wir" sind die Forscherinnen und Forscher gemeint, die erst den digitalen Lesesaal, dann die Internetbereitstellung angenommen haben und nun weitere Verbesserungen und Vereinfachungen der Benutzungsabläufe erleben werden. "Wir" sind vor allem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ständig Neuerungen in die täglichen Abläufe integrieren, vielfältige Anlaufschwierigkeiten abfangen und dafür sorgen, dass Bewährtes und Neues sich immer wieder zu einem gut funktionierenden Betrieb verbinden. "Wir" sind auch die EDV-Spezialisten, die permanent mit Notwendigkeiten, dringenden Anforderungen und ahnungslosen Wünschen konfrontiert werden, alles sofort erledigen sollen und dann noch dafür verantwortlich gemacht werden, wenn Menschen vermeintliche Fehler der Maschinen verursachen. "Wir" sind nicht zuletzt aber auch die Führungskräfte, die den Veränderungsbedarf erkennen, verstehen, umsetzen und begleiten. In Zeiten wie diesen sind nicht einsame Führungsentscheidungen gefragt, sondern überlegte und gut abgestimmte Planungen. Wenn schon die äußeren Umstände kaum längerfristige Prognosen zulassen, ist die Kommunikation und Diskussion der Entscheidungsgrundlagen umso wichtiger.
Die Beiträge in diesem Bericht zeigen einmal mehr die Vielfalt unserer Tätigkeit, sie zeigen aber auch, dass "wir" dabei erfolgreich sind. Unter diesem Aspekt ist es immer wie-der erfreulich, einen Jahresbericht fertig zu stellen und vorzulegen.
G. Marckhgott
Organisation, Bau und Geschichte
Projekte und BeständeNach vereinzelten Ansätzen schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Notgeld, Unterlagen der Vaterländischen Front, Wahlpropaganda etc.) leitete Dr. Slapnicka als erster Zeithistoriker des Landesarchivs in den siebziger Jahren eine umfangreiche Sammlungstätigkeit verschiedener "Alltagsmaterialien" ein. Es entstanden je eine Plakat-, Flugschriften- und Broschürensammlung sowie eine Zeitungsdokumentation, in der dezimalklassifizierte Dossiers mit Artikeln der oö. Tages- und Wochenzeitungen geführt wurden. Auch die bis dahin sehr bescheidene Fotosammlung erfuhr eine Aufwertung. Entsprechend einem zeittypischen, sozialwissenschaftlich verstandenen Quellenbegriff der Zeitgeschichte sollte damit ein wesentlicher Teil öffentlichen Lebens abgebildet werden.
Im Zuge der Systematisierung der Dokumentationstätigkeit wurden dann in den achtziger Jahren Gemeinde- und Vereinsperiodika nach regionalen und inhaltlichen Gesichtspunkten ausgewählt, um inhaltliche und stilistische Mainstreams der (überwiegend partei)politischen Öffentlichkeit zu dokumentieren. Wesentlichstes Unterscheidungsmerkmal gegenüber anderen Beständen und Sammlungen war der Anspruch auf Aktualität und Vollständigkeit. Die regelmäßige Ergänzung und Pflege dieser Dokumentationsbestände beschäftigte dementsprechend bald eine/n eigene/n Bearbeiter/in.
Anlässlich der Übernahme des umfangreichen Zeitungsbestandes des Landesmuseums ins Archiv wurde die Herstellung von Dossiers zugunsten der Sammlung kompletter Zeitungsnummern eingestellt. Leider zeigte sich bald, dass der Bezug der Zeitungen (Freiexemplare) einen kaum weniger hohen Betreuungsaufwand verursachte als die anderen Dokumentationen, weil das Landesarchiv (im Unterschied zur Landesbibliothek) keine "Pflichtstelle" für Oberösterreich ist. Als die Zeitungen in den neunziger Jahren elektronische Produktionssysteme und eigene digitale Archive einführten, stellte sich schließlich die Frage der Sinnhaftigkeit weiterer Sammlungstätigkeit in physischer Form, zumal der immer üppigere Umfang der Zeitungen zum Problem zu werden drohte. So war es nur mehr eine Frage der Zeit, bis angesichts knapper werdender Ressourcen der Erwerb von Tages- und Wochenzeitungen überhaupt eingestellt wurde.
Für die Staatsvertragsausstellung 2005 digitalisierten wir erstmals 10 Jahrgänge oberösterreichischer Zeitungen und nahmen zugleich die Papieroriginale aus dem Benutzungsbetrieb. Der Erfolg dieser Maßnahme - sowohl komfortablere Benutzung als auch Schutz der Originale - führte zu jenem umfassenden Digitalisierungs- und Bereitstellungsprojekt, das in wenigen Jahren alle oberösterreichischen Zeitungen seit dem 19. Jahrhundert - soweit noch erhalten - öffentlich und unentgeltlich zugänglich machen wird (siehe weiter unten).
Der Boom elektronischer Information führte gegen Ende des vorigen Jahrhunderts auch zu einem Bedeutungsschwund der anderen im Landesarchiv dokumentierten Informations- und Werbemedien. Der ursprüngliche Zweck, einen repräsentativen Querschnitt aktueller Informations- und Werbethemen und -methoden zu dokumentieren, ist mit der Sammlung gedruckter Medien nicht mehr zu erreichen. Umgekehrt fehlen aber derzeit - nicht nur im Landesarchiv - die technischen Mittel, elektronische Informationskanäle (vor allem Homepages) zu dokumentieren bzw. zu archivieren. Nach einer internen, eingehenden Diskussion dieser Problematik entschlossen wir uns daher, den Tätigkeitsbereich "Dokumentation" - vorerst ersatzlos - einzustellen. Die Sammlungen bleiben selbstverständlich bestehen und werden fallweise auch weiter ergänzt; es wird aber keine aktive Akquisition und keinen Vollständigkeitsanspruch mehr geben.
Die Frage der Dokumentation elektronischer Medien bleibt vorerst offen. Eine Umfrage bei anderen Landesarchiven zeigte, dass aktuell keine Lösungen in Sicht sind und dass auch im Bereich der Bibliotheken ähnliche Fragen diskutiert werden. Die technische und organisatorische Entwicklung der nächsten Jahre wird hier hoffentlich neue Ansätze bringen.
Laut Aussage des ehemaligen Landesarchivdirektors Dr. Erich Trinks befand sich das Domkapitelarchiv ursprünglich im Linzer Domherrenhaus. Nachdem dieses von den nationalsozialistischen Machthabern 1938 beansprucht und daher geräumt werden musste, gelangte das Domkapitelarchiv in das Stift Wilhering und von dort schließlich ins Oberösterreichische Landesarchiv.
In den Amtsakten des Landesarchivs taucht das Domkapitelarchiv erst im Jahr 1946 erstmals auf, was bedeutet, dass sich Trinks’ Angaben mittels dieser Quelle nicht überprüfen lassen. Die Landhausinspektion übergab dem Archiv am 2. April 1946 das im Vorraum der Minoritenkirche gelagerte Domkapitelarchiv, um es vor dem Zugriff der amerikanischen Besatzungstruppen zu schützen. Wie das Archiv des Domkapitels in das Gebäude der Minoritenkirche gelangte, lässt sich aus den Akten nicht rekonstruieren.
Am 27. Jänner 1950 besichtigte der damalige Archivdirektor Dr. Eduard Straßmayr im Bischofshof gelagerte Unterlagen, die zum Teil Archivalien der ehemaligen Stifte Baumgartenberg, Waldhausen und Windhaag - der Dotationsgüter des Domkapitels - umfassen sollten. Da sich das Material in Kisten befand, konnte ihr Inhalt bei diesem Besuch nicht genauer bestimmt werden. Im März wurden die Unterlagen, inzwischen genauer als Akten der ehemaligen Klöster Baumgartenberg, Waldhausen und Windhaag bezeichnet, übernommen. Inhaltlich betrafen sie laut den damaligen Aufzeichnungen vor allem den Bereich des Rechnungswesens, zeitlich die Zeitspanne vom 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.
Georg Grüll verzeichnete und ordnete in der Folge von 16. Februar bis 10. März 1954 einen Archivalienbestand, der als "neuere Verwaltungsakten des Domkapitels (19./20. Jahrhundert)" bezeichnet wurde. Der Bestand umfasste schließlich 43 Schuberbände und teilte sich in neun Sachgruppen:
1. Gründung und Dotation
2. kirchliche Angelegenheiten
3. Personalien
4. Verwaltung
5. Besitz- und Vermögensangelegenheiten
6. Wirtschaftssachen
7. Steuerwesen
8. Soziale Fürsorge
9. Varia
Von 4. bis 18. April 1954 ordnete Grüll die 1950 erworbenen Archivalien aus dem Bischofshof. Wie sich herausstellte, handelte es sich dabei nicht nur um Archivalien aus Baumgartenberg, Waldhausen und Windhaag, sondern auch um Material des Domkapitels. Grüll teilte die übernommenen Unterlagen in fünf Gruppen:
Herrschaft Windhaag: 19 Bündel
Herrschaft Kloster Baumgartenberg: 23 Bündel, 6 Handschriften, 55 Bände Patente
Herrschaft Stift Waldhausen
(einschließlich der Schallenbergischen Gülten): 66 Bündel, 9 Handschriften, 41 Bände Patente
neuere Akten des Domkapitels: 18 Bündel, 3 Handschriften
Archiv des Dekanats Linz: 4 Bündel, 1 kleiner Faszikel Varia
Die Archivalien von Windhaag, Baumgartenberg und Waldhausen wurden in die Bestände der im Oberösterreichischen Landesarchiv bestehenden Stiftsarchive Windhaag, Baumgartenberg und Waldhausen eingegliedert.
Aus einem Schreiben des Landesarchivs an die Güterverwaltung des Linzer Domkapitels geht hervor, dass das Archiv auf Wunsch des Domkapitels den jüngeren Teil des Domkapitelarchivs verzeichnen und ordnen ließ. Das Verzeichnis sei 1954 fertig gestellt worden und der Bestand bestehend aus 43 Schuberbänden und 2 Schachteln könnte vom Domkapitel abgeholt werden. Allerdings sei dies bis 1956 nicht geschehen. Zieht man den Um-fang des genannten Bestandes in Betracht, dürfte es sich um den von Grüll im Februar und März verzeichneten Bestand handeln. Von Seiten des Domkapitels wurde die Verzögerung der Rückholung des Archivs mit den noch ausstehenden Instandsetzungsarbeiten im Domherrenhof begründet.
1960 ersuchte der Leiter der Güterverwaltung Kanonikus Karl Angerbauer um die Übergabe des Domkapitelarchivs, konkret um jene Unterlagen, die 1946 im Vorraum der Minoritenkirche aufgefunden und 1954 von Georg Grüll verzeichnet wurden. Die Archivalien sollten in einem Raum im rückwärtigen Hochparterre des Domherrenhofes untergebracht werden. Von Seiten des Landesarchivs wurde dieser nach einer Besichtigung vor Ort als "vorzüglich geeignet" eingestuft. Die Übergabe des Domkapitelarchivs (insgesamt 43 Aktenschuber) - nunmehr als "älterer Teil des Domkapitelarchivs" bezeichnet - erfolgte am 15. Juni 1960.
Der heute im Oberösterreichischen Landesarchiv existierende Bestand "Domkapitelarchiv" dürfte daher nicht ident sein mit dem 1946 in der Minoritenkirche aufgefundenen, sondern vielmehr aus Teilen jener Archivalien bestehen, die 1950 im Bischofshof gelagert waren und an das Archiv übergeben wurden. Bestätigt wird diese Vermutung durch einen Beitrag im 68. Jahresbericht des Oberösterreichischen Landesarchivs, in dem von der Ergänzung der Klosterarchive Windhaag, Baumgartenberg und Waldhausen aus den 1950 übernommenen Archivalien berichtet wird und von 35 Schachteln mit Akten des Domkapitels, 3 Schachteln mit Akten zum Linzer Dombau und 3 weiteren Schachteln mit Linzer Dekanatsakten, sowie 6 Handschriften, die aus dem übernommenen Bestand nach der Ergänzung der Klosterachive übrigblieben. Dies entspricht fast vollständig dem heutigen Umfang des Bestandes "Domkapitelarchiv".
Die Direktionen des Oberösterreichischen und des Salzburger Landesarchivs beschlossen im Herbst 2006 eine gemeinsame Publikation zur Geschichte des Camp Marcus W. Orr (bekannt auch unter dem Namen "Lager Glasenbach") herauszugeben. Von oberösterreichischer Seite bearbeitete Mag. Peter Eigelsberger das Thema, von Seiten der Salzburger Dr. Oskar Dohle MAS. Nach Erscheinen des Buches im Jahr 2009 übergab Mag. Eigelsberger sämtliche von ihm im Rahmen seiner wissenschaftlichen Recherche zusammengetragenen Unterlagen an das Oö. Landesarchiv. Die Materialien wurden im Sommer 2010 geordnet, eingeschachtelt und verzeichnet und stehen nunmehr zur Einsichtnahme zur Verfügung.
Der Bestand "Camp Marcus W. Orr" umfasst eine Reihe von Heften der "Mitteilungen der Wohlfahrtsvereinigung der Glasenbacher", Nachlässe und Erinnerungen ehemaliger Inhaftierter sowie Kopien von Archivalien aus anderen österreichischen und internationalen Archiven und Transkriptionen von Interviews, die die beiden Autoren mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen führten. Die ebenfalls übergebenen Tonbänder wurden in die Tonbandsammlung des Oö. Landesarchiv aufgenommen, die Abzeichen der Glasenbach Kameradschaft bzw. der Glasenbacher Bundestreffen in die Realiensammlung.
Als Ergebnis des mehrjährigen Projektes "Sowjetische Akten zur Zivilverwaltung Mühlviertel" erhielt das Oö. Landesarchiv vom Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgen-Forschung 18 Ordner mit Kopien von Dokumenten aus verschiedenen russischen Archiven. Die Unterlagen stammen aus dem Russischen Staatlichen Militärarchiv (RGVA), dem Russischen Staatsarchiv für sozial-politische Geschichte (RGASPI), dem Russischen Staatsarchiv für Zeitgeschichte - ehemals ZK-Archiv (RGANI), dem Zentralarchiv des FSB - vormals KGB (CA FSB), dem Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums (CAMO), dem Archiv für Außenpolitik der RF (AVPRF) und dem Russischen Staatsarchiv (GARF). In dem Bestand, der durch eine Datenbank erschlossen ist, befinden sich u. a. Personalakten inhaftierter Zivilisten und Kriegsgefangener aus Oberösterreich, Gnadenakte, Berichte des stellvertretenden Hochkommissars der UdSSR in Österreich, Protokolle des Präsidiums des ZK der KPdSU, Berichte des Leiters der Propagandaabteilung und des Stabschefs des Sowjetischen Teils der Alliierten Kommission für Österreich und Kampfberichte der Truppen der 3. Ukrainischen Front. Der Großteil der Dokumente ist in russischer Sprache verfasst.
Der Aktenbestand der Bezirkshauptmannschaft Linz-Land kam in mehreren Etappen über die Zentralregistratur ins Oö. Landesarchiv, die letzten Teile wurden 1997 und 2000 direkt von der BH Linz-Land übernommen. Der Gesamtbestand wurde in den Jahren 2009/2010 zusammengeführt, geordnet, eingeschachtelt und verzeichnet. Er besteht derzeit aus 788 Schachteln und 397 Handschriften, beginnt mit dem Jahr 1868 und reicht fallweise bis 1999 herauf.
Der Aktenbestand ist nach Zeitabschnitten geordnet und besteht aus der Allgemeinen Reihe (1868-1924) und den Aktenblöcken 1925-1945 sowie 1946-1999. Die Akten des Vorstandes/Präsidiums (1898-1924), des Bezirksschulrates (1870-1924) und die Schulakten (1869-1935) wurden zu eigenen Gruppen zusammengefasst. Die Ordnung des Bestandes erfolgte nach dem jeweils ersichtlichen Registraturschema. Da sich dieses im Laufe der Jahrzehnte mehrmals änderte, sind für die verschiedenen Zeitabschnitte Aktenpläne und Teilaktenpläne beigefügt.
Durch die Neugründung der Bezirkshauptmannschaft Urfahr-Umgebung im Jahr 1903 entstand auch eine wesentliche Veränderung im Zuständigkeitsbereich der Bezirkshauptmannschaft Linz-Land. Bis 1903 gehörten die nördlich der Donau gelegenen Gerichtssprengel Urfahr und Ottensheim zur BH Linz-Land, daher sind auch die Verwaltungsak-ten aus dieser Zeit in diesem Bestand zu finden. Mit der Abtretung der Gebiete von Urfahr und Ottensheim an die BH Urfahr-Umgebung kam als Ersatz der Gerichtsbezirk Neuhofen von der BH Steyr-Land zur BH Linz-Land. Diese Gebietsveränderungen sollten bei einer Recherche beachtet werden.
Mit der Umstellung der Landesverwaltung 1926 wurde auch der autonome Bereich neu strukturiert.
| Abt. I: | Schulen und Lehrer, Feuerwehren, Versicherungen, Landtafel |
| Abt. II: | Armen- und Dienstbotenwesen, Gemeinden, Fremdenverkehr, Landeshoheit, Landespersonal, Landtag, Archiv, Museum, Theater |
| Abt.III: | Gewerbe, Genossenschaften, Landesgüter, Jagd und Fischerei, Unternehmungen und Landesgüter, Fortbildungsschulen, Gemeindefinanzen |
| Abt.IV: | Fürsorge, Heilwesen, Landes- und Kuranstalten, Stipendien und Stiftungen |
| Abt. V: | Bauwesen, Straßen- und Landesgebäudeverwaltung, Hilfsaktionen, Herbergen, Schubwesen, Lager |
Jeder dieser Abteilungen war eine Kanzleiabteilung zugeordnet, die das jeweilige Eingangsbuch und den alphabetischen Index führte.
Der Großteil der schriftlichen Überlieferung der Autonomen Landesverwaltung (die Unterlagen der Abteilungen II, IV und V) gelangte ins Landesarchiv, da war die Tinte des jüngsten Aktes noch kaum trocken, nämlich "als 1938 im Landhause die neuen Machthaber einzogen, denen diese Schriften in räumlicher Beziehung bald ein Hindernis waren." Das Archiv fungierte in diesem Fall als Registratur für relativ aktuelles Behördenschriftgut. Vorerst ausgenommen von der Übernahme waren die Akten, die bei den Abteilungen I und III angefallen waren. Diese Unterlagen verblieben in der NS-Zeit bei den entsprechenden Behördeneinheiten der Reichsstatthalterei und wurden erst 1951 bzw. 1954 ans Landesarchiv abgetreten, weswegen sich im Bestand der Autonomen Landesverwaltung nun auch einzelne Aktengruppen der Reichsstatthalterei befinden (GK, IIa).
Der Gesamtbestand der Autonomen Landesverwaltung im Landesarchiv umfasste seit 1954 630 Faszikel und 180 Handschriften (Einlaufprotokolle und Indices). Der Bestand war lediglich durch die (ausgezeichneten) Original-Findbücher erschlossen.
2010 wurden die 630 Faszikel nach den Regeln des Archivalienschutzes versorgt (mechanische Säuberung, säurefreie Umschläge) und in 884 Archivboxen eingeschachtelt. Dabei wurde auch eine Konkordanzliste erstellt sowie eine Grobverzeichnung und inhaltliche Erschließung auf der Ebene der Kanzleiabteilungen durch Kombination der numerischen Auflistung der Aktenzahlen mit dem Aktenplan durchgeführt. Einzelne "interessante" Aktengruppen wurden dabei genauer verzeichnet. Die Detailerschließung muss jedoch noch fortgesetzt werden.
Die Digitalisierung der oberösterreichischen Tages- und Wochenzeitungen und deren Bereitstellung für die Öffentlichkeit hat im Oö. Landesarchiv bereits eine mehrjährige Tradition. Das vergangene Jahr bildet aber in mehrfacher Weise eine Zäsur, sodass es sinnvoll schien, einerseits einen zusammenfassenden Rückblick über die bisherigen Aktivitäten zu bieten sowie andererseits die Weichenstellungen für die Zukunft darzustellen.
Für das Engagement des Landesarchivs in der Digitalisierung und der elektronischen Bereitstellung von Zeitungen waren mehrere Gründe ausschlaggebend. Unbestritten ist der hohe Wert der Printmedien als Quelle zur oberösterreichischen Landesgeschichte der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und des 20. Jahrhunderts, weil die darin enthaltenen Informationen zu regionalem Geschehen und Entwicklungen, Besonderheiten und Stimmungen sonst nirgends aufgezeichnet sind. Dem Interesse der Forscherinnen und Forscher steht der oft schlechte Überlieferungs- und Erhaltungszustand dieser Informationsträger gegenüber, der die Bereitstellung der Papiervorlagen für die Benutzung unmöglich macht oder zu empfindlichen Einschränkungen führen muss. Zeitungen sind nämlich von ihrem Zweck her primär auf kurzfristige Nutzung ausgerichtet, für eine langfristige Aufbewah-rung sind sie weniger geeignet, weil die Kombination billigen, übersäuerten Papiers mit aggressiver Druckerschwärze zum Zerfall führt. Zeitungen sind zwar ein Massenprodukt, ihre geschlossene Sammlung und Aufbewahrung ist aber dennoch nicht gewährleistet. Es gibt umfangreiche Zeitungsbestände in österreichischen Bibliotheken und Archiven, doch sind diese in den seltensten Fällen vollständig. Gerade bei den älteren Jahrgängen regionaler Zeitungen oder Ausgaben der Kriegsjahre sind größere Verluste zu verzeichnen.
Um dieser Schwierigkeiten Herr zu werden, bot sich die Digitalisierung geradezu an. Sie versteht sich sowohl als Sicherungsmaßnahme zur Erhaltung der Inhalte der Zeitungen als auch als Bereitstellungsmöglichkeit, die interessierten Personen jederzeit Zugang gewährt.
Im Jahr 2005 wurden in einem ersten großen Block Zeitungen des Zeitraums der Jahre 1945 bis 1955 aus der Zeitungssammlung des Oö. Landesarchivs von einem Dienstleister gescannt. Hauptaugenmerk wurde dabei wegen der extrem hohen Seitenzahl auf Masse gelegt; zudem sollte der erforderliche Speicherplatz möglichst gering gehalten werden. Wichtig war nicht ein optisch schöner Scan, sondern die Vollständigkeit und Lesbarkeit der vorhandenen Informationen. Um möglichst große Fortschritte zu machen, fiel bei der Qualität die Entscheidung zugunsten einer Massendigitalisierung in Schwarz-Weiß. Insgesamt wurden dabei knapp 215.000 Zeitungsseiten eingescannt.
Die Scans wurden der Öffentlichkeit erstmals im selben Jahr im Rahmen der Ausstellung zum Österreichischen Staatsvertrag im Schlossmuseum Linz zugänglich gemacht, anschließend erfolgte die Bereitstellung über das Internet. Für die Präsentation wurde im Auftrag des Landesarchivs vom Rechenzentrum des Landes Oberösterreich eine geeignete Applikation geschaffen und der nötige Speicherplatz zur Verfügung gestellt. Die Einsicht in diese "Digitale Zeitungssammlung" per Internet war für die Benutzerinnen und Benutzer für einen Monat gratis, für ein halb- und ganzjähriges Abonnement fielen geringe Kosten an.
In den folgenden Jahren bis 2009 wurde diese "Digitale Zeitungssammlung" wesentlich um überregionale Zeitungen im Gesamtausmaß von etwa 760.000 Seiten erweitert. Das Linzer Volksblatt wurde von 1870 bis 1938 sowie von 1955 bis 1991 gescannt. Dazu kamen die Tagespost von ihren Anfängen 1865 bis 1944 sowie das Tagblatt von 1919 bis 1938. Als Vorlagen für die Digitalisierung dienten fast ausschließlich die Zeitungsbände der hauseigenen Sammlung - mit ihren doch erheblichen Lücken.
Ist die Digitalisierung der Jahre 2006 bis 2009 weitgehend als Fortsetzung nach den im Jahr 2005 festgelegten Kriterien für die Digitalisierung und als kontinuierliche Erweiterung der Digitalen Zeitungssammlung zu sehen, erfolgten im Jahr 2010 entscheidende Weichenstellungen, und zwar:
In den letzten Jahren hat sich das Projekt ANNO (AustriaN Newspaper Online) der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) zur führenden Zeitungsseite in Österreich entwickelt. Verhandlungen mit der ÖNB wegen einer zukünftigen Kooperation führten im Juli 2010 zum Abschluss eines Vertrages, der eine Aufgaben- und damit auch eine Kostenteilung vorsieht. Vom Oö. Landesarchiv werden die Kosten für die Digitalisierung der Zeitungen übernommen, die ÖNB sorgt für die Bereitstellung der Daten im Internet und übernimmt auch deren Wartung. Für die Benutzerinnen und Benutzer gibt es durch diese Lösung eine sehr reichhaltige Auswahl an verschiedenen Zeitungen, die kostenlos einsehbar sind; zudem können jene kostenlos Ausdrucke in guter Qualität anfertigen.
Ein großer Vorteil dieser Kooperation besteht auch darin, dass die Bestände der ÖNB als Vorlagen für die Digitalisierung herangezogen werden können.
Dadurch ergab sich eine neue Situation. Die Präsentation in ANNO erfolgt mit einer gleitenden 70-jährigen Frist. Die vor 1940 erschienenen Ausgaben der "Digitalen Zeitungssammlung" werden über ANNO im Internet zugänglich sein; die Jahrgänge nach 1941 werden etwa ab Sommer 2011 im digitalen Lesesaal des Oö. Landesarchivs lokal zugänglich sein.
Als Konsequenz daraus folgt, dass die eigenständige Präsentation der "Digitalen Zeitungssammlung" beendet wird. Derzeit ist diese noch bis Ende April 2011 für die noch laufenden Abonnements zugänglich, danach wird sie eingestellt.
Im Oktober 2010 ging die Innviertler Regionalzeitung Neue Warte am Inn online, im Dezember folgten die Tagespost, das Linzer Volksblatt und das Tagblatt.
Dass über ANNO mehr Interessenten erreicht werden können als über die "Digitale Zeitungssammlung" des Oö. Landesarchivs, zeigt bereits die starke Resonanz für die kurze Zeit von der Online-Stellung bis Jahresende 2010: Die Neue Warte am Inn haben von Mitte Oktober bis Ende Dezember knapp 2000 Personen eingesehen, die Tagespost, das Linzer Volksblatt und das Tagblatt hatten nur in der zweiten Dezemberhälfte zusammen circa 1500 Besucher.
Bei der Durchsicht verschiedener Zeitungssammlungen hat sich herausgestellt, dass es kaum eine vollständige Reihe gibt. Immer wieder fehlen ganze Jahrgänge, einzelne Nummern daraus oder einzelne Seiten. Deswegen erschien es uns sinnvoll, Zeitungen nicht mehr nur nach den jeweils vorhandenen Beständen in verschiedenen Institutionen zu digitalisieren, sondern uns dabei um die Herstellung einer elektronischen vollständigen Gesamtausgabe zu bemühen.
Als Pilotprojekt bot sich die Neue Warte am Inn an, weil es für deren Digitalisierung eine lokale Initiative anlässlich des 130-jährigen Bestehens dieser Zeitung im Jänner 2011 gab. In mühevoller Kleinarbeit und mit hohem Recherche- und Kontrollaufwand ist es gelungen, eine vollständige Gesamtausgabe für die Jahre 1881 bis einschließlich 1940 herzustellen (gesamt ca. 43.000 Scans). Dafür wurden Vorlagen aus der ÖNB, der Oö. Landesbibliothek, des Stadtarchivs Braunau und natürlich des Oö. Landesarchivs verwendet.
Nach unseren Recherchen sind die größten Verluste in der Regel in den Anfangsjahren der Zeitungen festzustellen, vor allem dann, wenn es sich um regionale Zeitungen handelt. Weitere potenzielle Gefahren für eine gesicherte Überlieferung sind nur kurz erscheinende Zeitungen oder Kriegsjahre oder andere Krisen.
Deswegen wird nun der Schwerpunkt der Digitalisierung auf die Zeitungen gelegt, die in der zweiten Hälfte des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erschienen.
Im Zuge des großen Forschungsprojektes zur Zwischenkriegszeit 1918 bis 1938 ist auch die Frage aufgetaucht, ob die gewaltige Zahl an Digitalisaten auch inhaltlich erschlossen werden könne. Im Sommer 2010 begannen wir mit Experimenten zur Erschließung mit Texterkennung. Dabei stellten wir schnell fest, dass die bisherige Qualität der Digitalisate nur eine sehr beschränkte automatisierte Texterkennung ermöglicht. Wir haben daher umfangreiche Tests initiiert und befinden uns derzeit in einer Phase der Entscheidungsfindung; sicher ist jedenfalls, dass in Zukunft auch auf die Qualität der Vorlagen in wesentlich stärkerem Maße geachtet wird als bisher.
Außer der Neuen Warte am Inn wurden im Jahr 2010 das Innviertler Heimatblatt über den gesamten Erscheinungszeitraum von 1938 bis 1945 sowie von der Steyrer Zeitung die ältesten Jahrgänge 1876 bis 1890 digitalisiert. Beide Zeitungen sind virtuell vollständig, wobei vor allem Vorlagen der Oö. Landesbibliothek verwendet wurden, ergänzt durch Zeitungsbände der ÖNB und des Oö. Landesarchivs. Das Innviertler Heimatblatt und die Steyrer Zeitung werden ab Frühjahr 2011 online über ANNO zugänglich sein.
Weiters wurde die Digitalisierung des älteren Teiles des Schärdinger Wochenblattes von 1902 bis 1922 durchgeführt.
Insgesamt wurden 2010 Scans von circa 70.000 Zeitungsseiten angefertigt.
Oö. Archivverbund
Es ist der Öffentlichkeit kaum bekannt, dass es in Oberösterreich zahlreiche Archive gibt: vom Landesarchiv mit über 20 hauptberuflichen Mitarbeiter/innen bis zu hunderten Gemeinde-, Pfarr-, Vereins- und Privatarchiven, die meist ehrenamtlich von geschichtlich interessierten und engagierten Personen betreut werden. Für sie alle veranstaltete der Verbund oberösterreichischer Archive am 11. Juni 2010 im Sommerrefektorium des Stiftes Lambach erstmals einen "Oberösterreichischen Archivtag". Dabei wurden vor allem für die nebenberuflichen und ehrenamtlichen Archivarinnen und Archivare die vielfältigen Angebote zur Zusammenarbeit und Unterstützung aufgezeigt, die auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten eine erfolgreiche Archivarbeit ermöglichen.
"Die oberösterreichischen Archive sind ein wichtiger Bestandteil des Kulturlebens unseres Landes, weil sie nicht nur wertvolle Unterlagen für persönliche Forschungsinteressen bewahren und erhalten, sondern auch das nötige `Rohmaterial` für Landesgeschichte und Landesidentität schaffen", betonte Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer anlässlich des Archivtages.
Mit der Ordnung des Gemeindearchivs Sandl konnte der Verbund oö. Archive ein Vorzeigeprojekt auf kommunaler Ebene verwirklichen. Die Ordnungsarbeiten wurden von Mag. Stefan Hubinger im Herbst 2010 durchgeführt und nahmen zwei Monate in Anspruch. Die teils geordneten, teils ungeordneten Unterlagen der Gemeinde Sandl wurden anlässlich eines Amtsgebäudeneubaues im Herbst 2010 zusammengeführt und umfassen 168 Handschriften und 215 Schachteln Akten.
Der Aktenbestand setzt bis auf wenige Ausnahmen in den 1940er Jahren ein. Erwähnenswert sind vor allem Protokolle des Ortsschulrates, Entnazifizierungsakten, Wehrmachts- und Kriegswirtschaftsangelegenheiten, Nachkriegsakten, chronikale Texte über die Gemeinde sowie eine geschlossene Kontoblätterreihe von 1953-1968. Der neuere, vollständigere Aktenbestand enthält unter anderem größere Sanierungsmaßnahmen, die Bau- und Grundstücksverwaltung, Akten des Tourismusverbandes Sandl, den Großteil des Meldewesens, Wasser- und Kanalwesen, Erhebungen und Statistiken, Schul- bzw. Schülertransportverwaltung sowie eine Vielzahl von außerordentlichen Vorhaben (Kuranstalt Sandl, Telefongemeinschaft, Fernheizwerk, usw.).
Wir erleben eine Sparwelle in allen Bereichen der öffentlichen Hand - da geht der Stellenwert von Archivierung schnell gegen null. Daran kann auch die im Oö. Archivgesetz verankerte Pflicht der Gemeinden zur Archivierung wenig ändern. Wenn aber Archivierung aufgeschoben wird, kommt es meist zur späteren Vernichtung der Unterlagen. Führt die Wirtschaftskrise zum Verlust der Geschichte unserer Gemeinden ? Es gibt eine bessere Lösung.
Jahrhunderte lang hatten Archive generell die Aufgabe, Rechtstitel und Unterlagen für "die Herrschaft" und ihre Verwaltungsstellen aufzubewahren und für Streitfälle bereitzuhalten. Erst im 19. Jahrhundert mutierten die weltlichen Archive immer mehr zu geheimnisvollen Orten, zu abgeschiedenen Stätten der Vergangenheit. Heute werden Verwaltungsarchive der Öffentlichkeit gerne als Ort für Strafversetzungen präsentiert; Dienststellen geben häufig nur solche Unterlagen ans Archiv ab, die zu nichts mehr nütze sind. Und manche Archive sind froh, keine neueren Akten zu bekommen, denn es ist weder Platz dafür vorhanden noch eine Vorstellung, was damit anzufangen sei. Man hat sich "auseinander gelebt". Dieses große Missverständnis zwischen Verwaltung und Archiven - man könnte auch sagen: zwischen Öffentlichkeit und Archiven - ist eine der entscheidenden Schwierigkeiten für die zeitgemäße Entwicklung unseres Archivwesens und spielt auch bei der Archivierung in Gemeinden eine wesentliche Rolle.
Das oberösterreichische Archivgesetz (2003) legt für die Archivierung in Gemeinden drei Kernpunkte fest:
• Gemeinden sind verpflichtet, zu archivieren.
• Sie archivieren im Rahmen ihrer Selbstverwaltung, also in Eigenverantwortung.
• Sie können selbst archivieren oder ihr Archivgut einem Kommunalarchiv anvertrauen.
Selbst archivieren stellt sich meist als aufwändiger heraus als vermutet, denn Archivierung ist nicht mit dem Aufstellen von Regalen in einem Kellerraum erledigt. Sie ist auch kein Hobby für ehrenamtliche Freizeitbeschäftigung, sondern sie muss fachgerecht und regelmäßig erfolgen - und das ist teuer. Deshalb bietet der Gesetzgeber den Gemeinden eine Alternative an: das Kommunalarchiv. Das ist "…eine organisatorisch eigenständige Einrichtung einer Gemeinde oder eines Gemeindeverbandes, die vorwiegend dem Zweck der Archivierung von Unterlagen dient und der fachlich geeignetes Personal zur Verfügung steht" (§ 2 Ziffer 6). Zwei zentrale Begriffe finden sich hier: "organisatorische Eigenständigkeit" und "fachlich geeignetes Personal".
Vor allem letzterer Begriff wirft oft Fragen auf. Klar ist nur, dass von fachlicher Eignung für die Archivierung die Rede ist. Archivierung oder genauer gesagt Archivieren ist nach § 2 Ziffer 3 "eine Tätigkeit im öffentlichen Interesse, die das Erfassen, Bewerten, Übernehmen, dauernde Verwahren oder Speichern sowie das Erhalten, Restaurieren, Ordnen, Erschließen und Nutzbarmachen von Archivgut umfasst". Archivieren besteht also aus einem ganzen Bündel von Tätigkeiten, von denen manche umfangreiches Spezialwissen voraussetzen, und ist daher nur arbeitsteilig durchzuführen. Mit anderen Worten: die fachliche Eignung zur Archivierung besteht nicht primär in der Fähigkeit, all das zu selbst zu machen, sondern im Verständnis für die Aufgabenstellung und im Know-how, wie diese Aufgaben zu erledigen sind. Gemeindearchivarinnen oder -archivare müssen also nicht unbedingt selbst restaurieren oder bewerten oder erschließen können: sie müssen "nur" wissen, worum es dabei geht und was oder wen sie zu Rate ziehen können oder müssen, wenn es so weit ist. Dafür muss man nicht Geschichte studiert haben oder maturiert oder Latein gelernt haben. Dafür braucht man nur vier Voraussetzungen:
• Grundinteresse für Geschichte und Verwaltung
• ein gewisses, "angeborenes" Gefühl für Ordnung und Strukturen
• Grundkenntnisse der Archivierung, vor allem der praktischen Aspekte
• das Wissen und die Vernetzung, um bei Bedarf die richtigen Leute fragen zu können.
Um also auf das Archivgesetz zurückzukommen: unter fachlich geeignetem Personal sind Personen zu verstehen, die Interesse am Beruf haben und eine gewisse Grundausbildung und Einschulung erhielten, die z. B. durchaus das Landesarchiv oder der Verbund oö. Archive übernehmen könnten.
Bleibt als dritte Voraussetzung für ein Kommunalarchiv die organisatorische Eigenständigkeit.
Was ist darunter zu verstehen? Keinesfalls ist Eigenständigkeit mit Selbstständigkeit zu verwechseln: es geht hier nicht um Ausgliederung oder wirtschaftliche Selbstständigkeit. Organisatorische Eigenständigkeit bedeutet vielmehr, dass das Archiv eigene Regeln hat - eine eigene "Betriebsordnung", wenn Sie so wollen. Der Grund dafür ist nahe liegend: Archivierung ist auch - ich erinnere an meine Einleitung -Vertrauenssache. Natürlich geht es dabei hauptsächlich, aber nicht immer nur um Datenschutz; kein Politiker, kein Bürgermeister und kein Amt lässt sich gerne gewissermaßen über die Schulter schauen. Deshalb ist es wichtig, dass ein mehrere Dienststellen oder Gemeinden übergreifendes Archiv so eigenständig ist, dass es die strikte Trennung der verschiedenen Archivkörper gewährleisten und für die Einsichtnahme klare und transparente Regeln durchsetzen kann. Eigenständigkeit bedeutet also für ein Kommunalarchiv, dass sichergestellt sein muss, dass niemand nach Belieben in den dort archivierten Unterlagen herumsuchen kann, bevor diese als "historisch" erklärt und damit allgemein zugänglich wurden - in der Regel 30 Jahre nach Abschluss, aber das kann von jeder Gemeinde im eigenen Ermessen festgelegt werden.
Kommen wir nun auf das Kernproblem: Was kostet so ein Kommunalarchiv ?
Ein Dienstposten der LD16 - entspricht etwa dem Bereich zwischen den früheren Gruppen C und B - kostet einschließlich Dienstgeberbeitrag, also wirklich brutto, zwischen etwa 2500 und 3000 Euro monatlich. Ein Kommunalarchiv von 5 Gemeinden ist mit einem halben Dienstposten, also 20 Stunden pro Woche, leicht zu betreuen, daher kann eine "fachlich geeignete Person" in einer 40-Stunden-Woche zwei Kommunalarchive, die je 5 Gemeinden umfassen, betreuen: also 10 Gemeinden. Also betragen die Kosten für diesen Dienstposten pro Gemeinde etwa 250 bis 300 Euro monatlich. Dazu kommt natürlich noch ein gewisser Anteil an Betriebs- und Sachkosten, die aber in einem geordneten, laufend betreuten Archiv nicht hoch sein werden; 10 % davon fallen da überhaupt nicht ins Gewicht.
Für diesen selbst in Krisenzeiten marginalen und leistbaren Betrag erhalten die teilnehmenden Gemeinden:
1. einen geordneten, funktionierenden Archivbestand, der regelmäßig benützbar ist und nicht nur der Gemeindeverwaltung, sondern auch für Forschungen, für schulische Zwecke und rechtliche Recherchen zur Verfügung steht. Die Gemeinde ist durch die Trennung der Funktionen von Archivar/in und Forscher/in nicht mehr von engagierten Einzelpersonen abhängig.
2. kompetente Bewertung und Archivierung nicht mehr benötigten Registraturgutes, also physischer und digitaler Akten und Unterlagen. Die Scheinlösung ständig wachsender Speicherkapazitäten führt über kurz oder lang in die Sackgasse, während vom Landesarchiv beratene und unterstützte Kommunalarchive auch mit diesem Problem fachgerecht umgehen werden können.
3. Kontinuität und Objektivität bei der Betreuung des Archivs. Es liegt in der Natur ehrenamtlicher Archivbetreuung, dass sich persönliche Forschungsinteressen auch in den Archivbeständen niederschlagen. Bei professioneller Betreuung dagegen sorgen Schulung und Begleitung durch Experten dafür, dass weitgehend objektive, langfristig gültige Sammlungsrichtlinien eingehalten werden, die ein kontinuierliches Wachstum des Archivs gewährleisten.
4. fachliche Unterstützung in allen Archivfragen. Oben wurde schon betont, dass Fachpersonal weiß, wann es notwendig ist, sich Rat zu holen, und wo dieser zu finden ist.
Zusammenfassend: Das 300-Euro-Archiv bietet alle Voraussetzungen für die optimale Verwaltungsunterstützung, für die Erhaltung lokaler Geschichtsquellen und eine solide Basis für Forschungen.
Öffentlichkeitsarbeit und PublikationenIm Jahr 2010 wurde eines der wichtigsten Forschungsprojekte der letzten Jahre abgeschlossen: Oberösterreich in der Zeit des Nationalsozialismus.
Mit zwei Spezialbänden ‒ Oberösterreich und die "Zigeuner" von Florian Freund und Lenzing ‒ Anatomie einer Industriegründung im 3. Reich von Roman Sandgruber ‒ wurde die nun insgesamt 12 Bände umfassende Buchreihe, die das Ergebnis von jahrelangen intensiven Forschungsarbeiten zusammenfasst, abgerundet und vollendet. Ein endgültiger Schlussstrich unter die Beschäftigung mit dem wohl dunkelsten Kapitel der oberösterreichischen Geschichte ist der Abschluss der Buchreihe aber nicht. In Spezialforschungen wird sich das Landesarchiv auch weiter mit der Thematik "Nationalsozialismus in Oberösterreich" beschäftigen.
"Bekämpfung der Zigeunerplage" hieß im Behördenjargon die Verfolgung der als Zigeuner stigmatisierten Menschen. Auch wenn ihre Zahl in Oberösterreich im 19. und 20. Jahrhundert gering war, bildeten dennoch alte Vorurteile in der Bevölkerung und Ängste vor "den" Zigeunern die Grundlage der offiziellen Politik.
Im Nationalsozialismus nutzte die Gauleitung die politische Situation zum endgültigen Ausschluss der Zigeuner aus der Gesellschaft, zur Internierung im Zigeuneranhaltelager Weyer-St. Pantaleon, zur Zwangsarbeit und Deportation. Fast alle aus Oberösterreich deportierten Zigeuner starben im Ghetto Lodz oder wurden im Vernichtungslager Kulmhof durch Giftgas ermordet.
Verlag des Oö. Landesarchivs
ISBN 978-3-900313-97-5
360 Seiten,
35,00 Euro
In seiner vom Oö. Landesarchiv herausgegebenen Fallstudie "Lenzing ‒ Anatomie einer Industriegründung im Dritten Reich" beleuchtet Roman Sandgruber alle Aspekte der Unternehmensgeschichte in der NS-Zeit und in der unmittelbaren Nachkriegszeit: Die gezielte Standortsuche in einem alten Industrieraum, die Enteignung der jüdischen Vorbesitzer und der benachbarten Bauern, der überstürzte Aufbau ohne Rücksicht auf Kosten, die auf allen Ebenen hervorbrechende Korruption, der Zellwollimperialismus in besetzten Regionen, die in die innersten Machtzentren sich erstreckenden Netzwerke der Führungsebene, der Einsatz von Zwangsarbeit, der Aufbau des Frauenkonzentrationslagers, die Versuche mit der "Verfütterung" der Ablaugen der Zellulosefabrikation in Mauthausen, der abschließende Verteilungskampf um das Erbe und um die Weiterführung.
Dass aus dem Chaos des Kriegsendes eine unternehmerische Erfolgsgeschichte hervorgehen konnte, ist nicht nur dem Zufall der Aufteilung der Besatzungszonen und der ausländischen Hilfe zu danken, sondern war auch mit einem harten Sanierungskurs und der fast völligen Enteignung der damaligen Aktionäre verbunden. 1949 waren die grundlegenden Maßnahmen getroffen, die alte Zellstoff- und Papierfabrik war restituiert. Das Wirtschaftswunder konnte auch in Lenzing beginnen.
Verlag des Oö. Landesarchivs
ISBN 978-3-900313-96-8
476 Seiten
35,00 Euro
Mit der schwierigen Situation der Opfer des Nationalsozialismus und der Aufarbeitung der Nazigräuel unmittelbar nach dem Ende des 2. Weltkrieges befasst sich ein weiteres Buch, das 2010 im Oö. Landesarchiv erschienen ist.
Unmittelbar nach der Befreiung bemühten sich lokale und regionale Initiativen in ganz Österreich, die Opfer des NS-Regimes zu organisieren, um Entschädigungen und Hilfeleistungen einzufordern und die Verbrechen des Faschismus nicht der Vergessenheit anheim fallen zu lassen. Anfang 1946 entstand aus diesen Gruppierungen der "Bundesverband ehemals politischer Verfolgter", umgangssprachlich kurz "KZ-Verband" genannt.
Der "Landesverband ehemals politisch verfolgter Oberösterreich" spielte innerhalb des Bundesverbandes eine gewichtige Rolle. Nach der Auflösung des Bundesverbandes 1948 gingen vom oberösterreichischen Landesverband entscheidende Impulse zur Weiterführung der Verbandsarbeit aus.
Verlag des Oö. Landesarchivs
ISBN 978-3-902801-00-5
350 Seiten
26,00 Euro
Personalia und StatistikMein Eintritt in den Ruhestand am 1. Jänner 2011 nach mehr als 33jähriger Dienstzeit im Oö. Landesarchiv soll die Gelegenheit zu einer kurzen Rückschau bieten, hat sich doch das Archiv in diesen mehr als drei Jahrzehnten mit einer Geschwindigkeit verändert, wie es seit seiner Gründung 1896 bis zu meinem Eintritt 1977 undenkbar erschien (als ich am 1. Dezember dieses Jahres den Dienst antrat, gab es z. B. im Haus keine einzige elektrische Schreibmaschine und für Reproduktionen stand lediglich ein störungsanfälliger Nasskopierer zur Verfügung!).
Mein erster Vorgesetzter, Landesarchivdirektor Hofrat Dr. Hans Sturmberger, warf mich gleichsam in das kalte Wasser, als er mich mit der Ordnung des Archivs des Oö. Prälatenstandes beauftragte, welches der kurz zuvor verstorbene Archivmitarbeiter Norbert Grabherr zwecks Neuordnung aus Kremsmünster nach Linz verbracht hatte. Als frischgebackener Absolvent des Wiener Instituts für Österreichische Geschichtsforschung waren mir zwar die verschiedenen Formen der karolingischen Minuskel geläufig, von der praktischen Archivarbeit hatte ich jedoch nur eine blasse Ahnung, da diese am Institut fast nicht gelehrt wurde und Archivpraktika nicht üblich waren. Mit Hilfe meiner wohlwollenden Kollegen konnte ich mir dann doch die praktischen und theoretischen Grundlagen aneignen, die für die Tätigkeit in einem Landesarchiv unumgänglich sind: die Kenntnis der speziellen landesgeschichtlichen Quellen, die Bestandspflege und die Ordnung von Archivbeständen.
Dazu kam von Beginn an eine intensive Beratungstätigkeit im Benützer-Lesesaal, sicherlich die beste Möglichkeit, die Archivbestände und deren Auswertung kennen zu lernen (hier sei auch dankbar der vielfältigen Hilfe von Frau Margarita Pertlwieser gedacht!). Auch die Beantwortung der schriftlichen Anfragen bedingte sehr häufig eine gründliche Durchforschung einzelner Archivbestände, sodass ich doch im Lauf der Zeit einen immer besseren Einblick in die Vielfalt der im Haus verwahrten Bestände gewann. Dabei ergab sich gleichsam als Wechselwirkung gelegentlich die Notwendigkeit einer Neuordnung oder gar Neuverzeichnung größerer oder kleinerer (Urkunden-) Bestände.
Die Mitarbeit an Landesausstellungen (in die das Landesarchiv in der Vergangenheit viel intensiver als heute eingebunden war) bot die Möglichkeit, die Ergebnisse landesgeschichtlicher Forschung einem Kreis von Menschen zu vermitteln, die mit einem Archiv in der Regel kaum in Kontakt kommen.
Eine recht interessante, wenn auch mitunter frustrierende Aufgabe war die Begutachtung von Heimatbüchern und Ortschroniken: hier galt es des Öfteren, manche durchaus selbstbewusste Autoren wieder auf den Boden gesicherter historischer Tatsachen zurückzuführen.
Die Einführung der EDV Ende der 80er Jahre glich einem Quantensprung im Archivwesen, boten sich doch damit Möglichkeiten zur Erfassung und Verzeichnung von Archivalien, die früher völlig undenkbar erschienen und die Tätigkeit des Archivars zum Teil auf eine völlig neue Grundlage stellten. Die Auswirkungen auf das Landesarchiv sind in ihrer ganzen Tragweite wohl noch nicht abzuschätzen, und ich möchte auch nicht verschweigen, dass gerade bei der älteren Generation von Archivaren oft im Umgang mit der EDV auch eine gewisse Skepsis zu erkennen ist.
Die Leitung der Bibliothek des Landesarchivs nach der Pensionierung von HR Dr. Heilingsetzer war in den letzten Jahren meiner Dienstzeit eine interessante Bereicherung durch die Kenntnis und Auswahl der neuesten historischen Literatur.
Es ist hier nicht die Aufgabe, meine Tätigkeit im Archiv in allen Einzelheiten darzustellen. Eines kann ich jedoch mit Gewissheit behaupten: es war alles in allem eine interessante und erfüllende Arbeit.
Konsulent Johann Pammer trat am 5. Oktober 1992 als "Fachlicher Hilfsdienst höherer Art" seinen Dienst beim Oö. Landesarchiv an.
Im Jahre 1996 absolvierte er die Prüfung für den Verwaltungs- und Wirtschaftsfachdienst mit dem Fachgebiet Archivwesen, und 1997 erfolgte die Überstellung in den Verwaltungsfachdienst.
Im Landesarchiv war Konsulent Pammer u. a. für die spezielle Beratung in haus- und familiengeschichtlichen Angelegenheiten zuständig. Als langjähriger Heimatforscher hat er zwischen 1989 und 2001 zahlreiche Publikationen in maschinschriftlicher Form verfasst. Ein zweiter Arbeitsbereich war die Besichtigung von Gemeinderegistraturen. Im Rahmen der Schulungsseminare des Oö. Gemeindebundes für die Amtsleiter der oö. Gemeinden hielt er Vorträge über die "Archivierung von Schriftgut der Gemeinden". 1999 hatte Konsulent Pammer maßgeblichen Anteil bei der Erstellung der Broschüre "Empfehlungen des Oö. Landesarchivs für die Aufbewahrung archivwürdigen Schriftgutes der Gemeinden", hg. vom Oö. Landesarchiv in Zusammenarbeit mit der Abteilung Gemeinden des Amtes der Oö. Landesregierung.
Da ihm die Heimatforschung wichtig war referierte er im Auftrag des Oö. Landesarchivs zwischen 1996 und 2001 bei den Einführungskursen in das Lesen alter Schriften und über das Verfassen von Haus-, Hof- und Familienchroniken in Zusammenarbeit mit dem ländlichen Fortbildungsinstitut der oö. Landwirtschaftskammer sowie mit dem Oö. Volksbildungswerk. Als langjähriger Landesobmann des Oö. Volksbildungswerkes, Mitglied des Landeskulturbeirates und Vorstandsmitglied im Bundesinstitut für Erwachsenenbildung in St. Pölten war er an der Gründung der "Akademie der Volkskultur" im Jahre 2000 maßgeblich beteiligt. Ein Schwerpunkt dieser Akademie war ein einjähriger Ausbildungslehrgang zum Heimatforscher. Der erste Heimatforscherlehrgang wurde am 1. September 2001 im Schloss Weinberg abgeschlossen. Bei diesen Heimatforscherlehrgängen hielt Johann Pammer ebenfalls Referate.
In seiner langjährigen Archivtätigkeit ordnete und verzeichnete Johann Pammer über zwanzig Bestände.
Mit 1. Jänner 2011 ging Konsulent Johann Pammer in den wohlverdienten Ruhestand.
Unter Hinweis auf die Vorbemerkungen zur Statistik im Jahresbericht 2008 folgen hier die entsprechenden Zahlen für 2010:
| Zahl der BenützerInnen | 858 |
| (Gesamt-)Zahl der Tagesbesucher | 4729 |
| ausgehobene Archivalien | 6733 |
| ausgehobene Mikrofilme | 2749 |
| Reproduktionen | 13.208 |